Das Österreichische Landwirtschaftsmuseum Europaschloss Leiben

1991, zwei Jahre nach dem Ankauf des Schlosses gründete die Marktgemeinde Leiben das Museum. Auf vier Geschossen erfährt der Besucher vieles, was mit technischem Gerät und Ackerbau zu tun hat. Da stehen natürlich Personen und Vereine dahinter, denn mit dem Gründungsakt ist noch nie ein Museum entstanden. In Leiben ist es vor allem der Verein „Historische Landtechnik Österreich“, dessen Mitglieder für die Betreuung der Exponate, die Führung der Besucher und die Organisation von Museums Aktionstage.

Auf rund 1.000 m² finden Besucher viele landwirtschaftliche Exponate, auch in themenbezogenen Schauen. Der Reihe und den Geschossen nach:

Traktorenausstellung

Im Keller, also im befahrbaren Bereich der Anlage, stehen mehr als 30 Traktoren von Leihgebern des Vereines HLTÖ. Sie dokumentieren die technische Entwicklung landwirtschaftlicher Schlepper von 1920 bis 1960. Alle Maschinen sind fahrbereit, viele auf Neuzustand restauriert. Die Traktoren werden bei Ausfahrten und Veranstaltungen auch auf der Straße präsentiert. Schau- und Infotafeln zeigen das wirtschaftliche und technische Umfeld zu den ausgestellten Maschinen.

Erfolgsmodelle

Die erste und zweite Etage im Westtrakt des Schlosses beherbergt die Schau „Erfolgsmodelle“. Hier handelt es sich um eine Sammlung der aus Deutschland stammenden „Hohenheimer Modelle“. Einige dieser Modelle kamen auch in die k.u.k. Monarchie und lösten hier einige technische Entwicklungen aus. Viele der Modelle haben überlebt und waren lange Zeit auch im Schulbetrieb anzutreffen. In Leiben sind zwei Geschosse voll mit diesen Modellen. Damit beherbergt das Schloss die in Österreich größte Zusammenstellung solcher maßstabsgetreuen Nachbildungen historischer Feldgeräte.

Hilfe für die Besiegten

Auch im zweiten Geschoss beheimatet ist eine europaweit wohl einzigartige Sonderschau. Sie befasst sich mit der UNRRA-Hilfe und dem Marshallplan. Beide Aktionen halfen den europäischen Staaten und den USA selbst nach 1945 wieder wirtschaftlich auf die Beine zu kommen. Die Hilfe floss an 16 Staaten, auch an die USA und osteuropäische Länder. Die Idee des Marshallplanes ist auch heute noch aktuell. Dieses Schlagwort für ökonomische Aufbauhilfe findet sich regelmäßig in politischen Reden, die sich mit der Bewältigung großer Krisen nach kriegerischen, klimatischen oder gesundheitlichen Ereignissen beschäftigen. In Leiben kann der Besucher sehen, was es mit diesem Marshallplan auf sich hat und wer in Österreich davon alles profitierte.

Das richtige Gewicht haben

In der dritten Etage findet man das Ergebnis einer ausgedehnten Sammlerleidenschaft. Eduard Sykora hat jahrzehntelang aus 70 Ländern der Welt Waagen unterschiedlichster Bauart und Form zusammengetragen. Ob es nun die Gleichgewichtswaagen oder Waagen mit Laufgewicht sind, man findet diese und viele andere Geräte zur Bestimmung des wahren Gewichtes hier in Leiben. Mit über 1.000 Exemplaren hat der Wiener einen unüberbietbaren Überblick über diesen Bereich der Technik geschaffen. Die Schau dürfte wohl zu den größten Waagenausstellungen gehören und ist allemal genaueren Blickes wert.

Bodenbearbeitung

Die Geschichte der Bodenbearbeitung vom Faustkeil bis zum Dampfpflug zeigen die Schauen in der 4. Etage und im Dachgeschoss. Der zunehmend von der Landwirtschaft entfremdeten Bevölkerung kann somit demonstriert werden, wie zentral die geordnete und technisch mit Werkzeug unterstützte Nahrungsmittelerzeugung für das Überleben der Bevölkerung war. Das kann ein Beitrag sein, die Urproduktion höher zu schätzen und der Landwirtschaft mehr Verständnis entgegen zu bringen.

Sonderausstellung „Wia´s früha amoi woa“ (läuft noch bis 30. Oktober 2022)

Dabei handelt es sich um das erste Kooperationsprojekt zwischen dem Österreichischen Landwirtschaftsmuseum Europaschloss Leiben und dem Deutschen Landwirtschaftsmuseum Schloss Blankenhain. Mit der Schau wird die spannende Zeit in der Landwirtschaft nach 1945 vermittelt, als innerhalb weniger Jahre die althergebrachten Arbeitsweisen durch die Mechanisierung radikal verändert wurden.

War früher der Mensch das Maß aller (Arbeits-)Dinge, ersetzten bald Maschinen zwangsweise die Hände der Mägde und Knechte. In nicht einmal 20 Jahren war die Landwirtschaft praktisch komplett technisiert, Zugochsen und Nutzpferde waren ausgemustert. Händische Getreideernte ersetzte der Mähdrescher, die Grünfuttererzeugung mit der Sense fand man nur noch auf den steilen alpinen Wiesen. Auch die Zugsäge hatte im Wald bald ausgedient, die Motorsäge nahm ihren Platz ein.

 

Man sieht, es steckt viel Geschichte und viel Wissen in einem Gebäude. Wer achtlos daran vorbeifährt („Eine Burg, aha. Nix besonderes, also weiter!“), der wird nie die 800 Jahre Baugeschichte, die vielen Aspekte der Historie des Schlosses und seines Umfeldes erfahren. Dazu kommt in Leiben die hohe Kompetenz für historische Landmaschinen, die es in Österreich nur auf ganz wenigen anderen Plätzen noch gibt. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall, der Besuch des Traktoren-Oldtimertreffens jedes Jahr am Ostermontag ist für die in der Szene Aktiven ohnehin Pflicht, für alle anderen sehr zu empfehlen.